Schule, Frust und Liebesstress - Irene Zimmermann erzählt über ihre Arbeit als Autorin

Irene ZimmermannSchule, Frust, Chaos und Liebesstress – sind das die Themen, die die Mädels beherrschen?
„In einem bestimmten Alter – ich glaube schon. Das war übrigens zu meiner Zeit auch nicht anders und wird wahrscheinlich in zwanzig Jahren den Jugendlichen genau so gehen. Das Interesse für mathematische Formeln, englische Vokabeln und Geschichtsdaten ist in dieser Zeit einfach nicht ausgeprägt, wie man das Eltern/Lehrer gerne hätte. Stattdessen ganz andere Probleme:
- warum erfindet eigentlich niemand das Zimmer, das sich selbst aufräumt?
- gibt es einen Rechtsanspruch von Eltern, beim Mittagessen ein Verhör zu führen („Wie war es denn heute in der Schule? ...) und was kann man dagegen machen?
- warum hat man für die meisten Klassenarbeiten genau das Falsche gelernt?
- warum verliebt man sich immer in die falschen Jungs?
An dieser absolut unvollständigen Liste kann man doch ganz klar erkennen, dass es die Mädchen nicht immer ganz leicht haben, auch wenn sie manchmal auf die Erwachsenen ganz abgeklärt wirken.
Aber glücklicherweise gibt es natürlich auch Lichtblicke wie die beste Freundin, einen Jungen, der endlich mal einen guten Geschmack hat und sich in mich und nicht in den Star der Klasse verliebt und Mädchenbücher, in denen man das alles ausleben kann."

Als Lehrerin hatten Sie ja das Vergnügen, pubertierende Teenager tagtäglich hautnah zu erleben. Verarbeiten Sie die Erlebnisse in Ihren Büchern?
„Natürlich, das muss manchmal einfach sein. Wie zum Beispiel die Klassenfahrt nach Berlin, die dann in „Liebe, Chaos, Klassenfahrt“ wieder auftauchte.
Aber erst mal war es ein riesiger Schrecken, als ich während der Fahrt nachts gegen halb vier plötzlich „Wir suchen die Frau Zimmermann“ hörte. Wenn Schüler nachts ihre Klassenlehrerin suchen, dann muss irgendwas Entsetzliches passiert sein. War es auch, wie ich erfuhr. Vier Schüler der Klasse waren nämlich verloren gegangen. Glücklicherweise kam gleich der Zugführer angerannt und informierte mich, dass die glorreichen Vier in einen Wagen, der in Halle abgehängt worden war, gegangen waren. Groß und deutlich habe diese Information an der Wagentür gestanden, aber die Herrschaften könnten wohl noch nicht lesen. Da zuckte ich als deren Deutschlehrein leicht zusammen, aber ich war natürlich gottfroh, dass nichts Schlimmeres passiert war.
Als ich mich in den nächsten Ferien dann an ein neues Mädchenbuch machte, stand diese Szene so deutlich vor mir, dass ich sie einfach verarbeiten musste.
Und genau so geht es mit vielen anderen Episoden, die Eingang in meine Bücher finden."

Kam es schon vor, dass Schülerinnen in Liebesdingen Ihren Rat suchte? Wie gehen Sie damit um?
„Einmal habe ich sogar – allerdings aus Versehen – eine Beziehung gestiftet, die dann doch über ein ganzes Schuljahr andauerte. Im Geschichtsunterricht fiel mir auf, dass Oliver die ganze Zeit über mitschrieb – ziemlich ungewöhnlich, aber lobenswert. Weil wir in der Woche darauf eine Arbeit schreiben wollten, schlug ich vor, er solle doch seine Mitschrift den Mitschülern zu Verfügung stellen; ich würde das Blatt für alle kopieren. Aber Oliver weigerte sich, was ihm ziemlich böse Blicke eintrug.
In der großen Pause kam dann sein Banknachbar zu mir, Olivers Heft in der Hand und meinte, Olli habe sich das Ganze nochmals überlegt und ob ich die Kopien noch machen könnte. Weil der Kopierer im Lehrerzimmer belegt war, ging ich zum Gerät in der Aula, reihte mich in die ellenlange Schlange von Schülern ein und musste, als ich endlich dran war, feststellen, dass Oliver komischerweise kein einziges Wort mitgeschrieben hatte. Ziemlich wütend klappte ich das Heft wieder zu. Irgendwie hörte ich dann noch: „Sie haben einen Zettel verloren!“. Aber weil so ein Gedränge war, habe ich mich dann auch nicht weiter darum gekümmert.
Wochen später habe ich dann erfahren, was geschehen war: Oliver hatte – anstatt alles über die Ursachen des Zerfalls der Weimarer Republik mitzuschreiben – einen heißen Liebesbrief an Fatima verfasst, in die er seit Wochen heimlich verliebt war. Ohne seine Zustimmung hatte mir dann sein Banknachbar das Heft gebracht, der Liebesbrief fiel raus – und Fatimas Freundin in die Hände.
Den Rest kann sich dann jeder selber denken!
Jedenfalls musste ich jedes Mal, wenn ich die beiden händchenhaltend auf dem Pausenhof gesehen habe, lächeln."

Was würden Sie jungen Menschen gern mit auf den Weg geben?
„Ich habe zwei Kinder und weiß, dass man ihnen am liebsten einen großen Teil der Schwierigkeiten, die das Leben so bietet, ersparen möchte. Geht aber nicht, viele Erfahrungen muss man selber machen. Ist schmerzhaft, auch für die Eltern, geht aber nicht anders.
Deshalb möchte ich den Jugendlichen sagen: Findet euren eigenen Weg. Das ist manchmal ganz schön schwierig, es geht auch nicht immer gerade aus, sondern häufig mit ziemlichen Umwegen, aber das ist dann euer Weg.
Und habt ein bisschen Nachsicht mit den Eltern, für die ist es manchmal ganz schön schwierig zu sehen, wie ihr zunehmend erwachsen werdet. Da hat man als Eltern nun einige Jahre gebraucht um zu lernen, dass man immerzu und jederzeit da sein muss („Mama!“ – und das nachts um halb zwei), und dann werden die lieben Kleinen plötzlich groß und halten es für eine Zumutung, wenn man sonntags um halb elf mal vorsichtig anfragt, ob die Damen und Herren Kinder vielleicht zum Frühstück kommen würden ...
Also: eigenen Weg finden, aber den Eltern gegenüber auch nachsichtig sein, ja?"

Wie haben Sie als junges Mädchen die großen Gefühle erlebt? Romantische erste Liebe? Heilloses Durcheinander? Jungen verzehrender Vamp?
„Hoffnungslos romantisch, wenn ich an den ersten Kuss im Stadtpark denke (es regnete ein Strömen!).
Wir haben den Kontakt nie abreißen lassen, telefonieren mindestens einmal im Jahr miteinander und erinnern uns – vielleicht mit ein bisschen Wehmut – an damals.
Übrigens: Er hat Zwillinge (das eine Mädchen heißt tatsächlich Irene) und beide lesen meine Bücher mit wahrer Leidenschaft. Vielleicht wird er ihnen irgendwann, wenn sie groß sind, alles erzählen."

Würden Sie heute etwas anders machen?
„Au weia, das könnte schon eine ziemlich lange Liste werden.
1. Ich würde nie mehr in Mathearbeiten abschreiben – oder wenn schon, dann wenigstens so, dass ich nicht dabei erwischt werde.
2. Ich würde nie wieder zwei Stunden zu spät zu einem Date kommen (er hatte leider nach eineinhalb Stunden schon aufgegeben, wie ich von seiner späteren Freundin erfuhr).
3. Ich würde mich nie wieder stundenlang in die Sonne legen, bloß um abends für ein Treffen mit Jörg schön braun zu sein (und stattdessen mit einem Hitzschlag im Bett zu liegen).
4. Ich würde mich nie wieder mit meinem Physiklehrer in der 8. Klasse anlegen. Da wusste ich nämlich noch nicht, dass der Junge im Bus, den ich so nett fand, sein Sohn war.
Ansonsten: Das meiste würde ich wieder genau so machen. War nämlich gar nicht so schlecht."

Viele Leserinnen identifizieren sich mit den Figuren. Wie würden Sie Henri beschreiben?
„Henri ist herrlich normal.Ab und zu, wenn ich Bus fahre oder in der Stadt bin, sehe ich Mädchen, die genau so sind, wie ich mir Henri vorstelle. Sie ist manchmal schüchtern, aber wenn es drauf ankommt, traut sie sich alles zu. Und, nicht zu vergessen: Sie hat Tanja, ihre beste Freundin! Sie ist mir ebenfalls ans Herz gewachsen. Ohne sie wäre alles nur halb so gut!"

Um die Neugierde Ihrer Fans zu stillen: Was ist als nächstes geplant?
„Mal was ganz Neues: ein Mädchenbuch! :)
Es gibt da nämlich noch eine Geschichte mit Irrtümern und Irrläufern, die unbedingt geschrieben werden will. Jule stellt auf dem Heimweg vom Schülercafé fest, dass sie nicht ihre eigene Jeansjacke anhat. In einer Jackentasche entdeckt sie einen ziemlich ramponierten Schülerausweis, die Schrift ist nicht mehr lesbar, aber der Junge auf dem Foto sieht so süß aus, dass Jule beschließt: Den muss ich unbedingt kennen lernen.
Allerdings fliegt sie am nächsten Tag mit ihrem Vater und ihrer älteren Schwester Alex nach Spanien ...
Mehr will ich noch nicht verraten, aber es wird wieder eine turbulente Geschichte, die im nächsten Jahr erscheinen wird."